Sandhausen: Die NS-Zeit im PZN Wiesloch aus erster Hand
Generation 60+: Bericht von einer Exkursion am 15.09.2026
Frau Decker, die katholische Klinikseelsorgerin am PZN, begrüßte unsere Gruppe am Eingang, und sie hatte einen profunden Kenner der Geschichte des Hauses, Herrn Hansi Rau, zum „Spaziergang im Park“ mitgebracht.
Der Bau der „Heil- und Pflegeanstalt“ auf den Hügeln über Wiesloch geht auf den Großherzog Friedrich I. von Baden zurück, der selbst etliche psychisch Kranke in seiner Familie hatte. 1905 nahm die Anstalt ihren Betrieb mit 200 Plätzen auf. Das Konzept war revolutionär, waren die Patienten in vielen einzelnen Häusern untergebracht, um Epidemien zu vermeiden wie in den bisherigen mit Hunderten Patienten in einem Saal.
Nach dieser Einführung machten wir uns auf den Weg zur Erkundung des Parks. Die ersten Häuser auf unserem Weg, Haus 40 und 41 waren ausschließlich Frauen vorbehalten. Bei Haus 40 gab es einen eigenen Ausgang zum Garten, hier gab es 1- und 2-Bettzimmer für Privat-Patientinnen „aus vornehmem Hause“.
An der nächsten Station, Haus 50, wurden wir dann mit den Schrecken der NS-Zeit konfrontiert. Ab 1941 wurde hier eine „Kinderfachabteilung“ eingerichtet, in der Kinder mit Behinderung unter dem Vorwand moderner Behandlung aufgenommen wurden, dann aber Opfer der nationalsozialistischen „Kinder-Euthanasie“ wurden. Vorher wurden 80 hier untergebrachte Frauen in andere Anstalten in Hessen verlegt oder gleich in Hadamar oder anderen Tötungsanstalten umgebracht. In einer dann von einem Heidelberger Professor eingerichteten Forschungsanstalt wurden 34 an Epilepsie oder Schizophrenie erkrankte Patientinnen lebend und nach ihrem bewusst herbeigeführten Tod „wissenschaftlich“ untersucht.
Sofort nach der „Machtergreifung“ der NS Anfang 1933 änderte sich der Auftrag der Anstalt grundlegend unter der Leitung des neuen Klinikdirektors Dr. Möckel. Nur absolut linientreue Mitarbeiter durften weiterarbeiten; im Mittelpunkt stand die Umsetzung der „Erbgesundheits“- und Rassenideologie der NS-Diktatur. Psychisch kranke oder behinderte Menschen wurden als „minderwertig“ oder „lebensunwert“ stigmatisiert. Speziell erstellte „medizinische“ Gutachten führten zu Zwangssterilisationen und unter dem Begriff „Euthanasie“ zu staatlich organisierten Morden an diesen Menschen.
Mit mehreren Kunstobjekten wird heute an die Schrecken und die Opfer der NS-Zeit erinnert. Ein bedeutendes Denkmal ist das „Mahnmal Euthanasie“, bestehend aus einem großen Metallkreis, aus dem ein Stück herausgeschnitten ist und auf der anderen Seite des Weges liegt.
Bedrückende Gefühle löst das Kinderdenkmal aus: Abdrücke von Kinderfüßen beginnen ihren Weg auf einer Spirale, können ihren Lebensweg zum Ende der Spirale aber nicht vollendenden.
Nicht fehlen durfte ein Besuch auf dem ehemaligen Friedhof, auf dem u.a. das Grab des Mannheimer Originals „Blumepeter“ liegt, und den wir auf einem idyllischen, aber auch beschwerlichen Weg aufwärts erreichten. Etwas müde vom ausführlichen Weg durch die Geschichte des PZN dankten wir Herrn Rau mit Beifall für seine eindrücklichen Ausführungen und Frau Decker mit einem Blumenstrauß für Ihre Einladung und Begleitung.